Acht Fragen an die Polarforscherin und Meeresbiologin Dr. Julia Ehrlich
Pendeln zwischen der Antarktis, Rostock und Berlin? Für Dr. Julia Ehrlich ganz normal. Einblicke in das Leben einer Polarforscherin.
von Lea Albring |

Zwischen Forschungsexpeditionen und Remote Work: Die Meeresbiologin und Koordinatorin der deutschen Antarktisforschung arbeitet regelmäßig im Office Club Berlin. Hier findet sie flexible Arbeitsplätze, Fokus und Austausch abseits des Homeoffice.
Du arbeitest in der Polarforschung, ein ziemlich außergewöhnliches Feld. Was genau machst du in diesem Kontext?
Ich koordiniere die deutsche Antarktisforschung im Rahmen eines Förderprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Dabei betreue ich Forschungsprojekte an Universitäten, vernetze Wissenschaftler:innen aus verschiedenen Disziplinen und sorge für die organisatorischen und strukturellen Rahmenbedingungen ihrer Zusammenarbeit. Ein großer Teil meiner Arbeit ist zur Zeit außerdem, Expeditionen auf der Polarstern, dem deutschen Forschungsschiff, wissenschaftlich zu planen und so zu organisieren, dass unterschiedliche Teams gemeinsam an größeren Forschungsfragen arbeiten.
Gerade plane ich zwei Expeditionen, eine geht in die Weddell See in der Antarktis. Dort wollen wir mithilfe von getaggten Walen und Robben herausfinden, wo ihre wichtigsten Nahrungsgebiete liegen, und diese dann gezielt untersuchen. Dabei beproben wir Eis, den Bereich unter dem Eis, das Meer selbst und den Meeresboden. Ziel ist es, das gesamte Nahrungsnetz rund um die wichtigsten Prädatoren so umfassend zu erfassen wie bisher noch nie.
Wie läuft die Koordination großer Forschungsexpeditionen ab und worauf kommt es dabei besonders an?
So eine Expedition entsteht meist in einem sehr offenen Prozess. Beim letzten Mal haben wir an verschiedenen Universitäten Ideen-Workshops organisiert, an denen sich interessierte Wissenschaftler:innen beteiligen konnten. Vorab haben alle ein kurzes Ideentemplate eingereicht. So wurden erstmal Ideen gesammelt, diskutiert und potenzielle Expeditionsthemen herausgearbeitet – also wirklich bottom-up.Die größte Herausforderung ist dann, aus vielen sehr spezialisierten Perspektiven eine gemeinsame Forschungsfrage zu entwickeln. Da kommen Forschende aus Biologie, Chemie, Physik und Geowissenschaften zusammen, mit ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und Erfahrungsständen – in ihrem wissenschaftlichen Werdegang und auch bezüglich Expeditionen. Alle mitzunehmen und daraus ein stimmiges Gesamtprojekt zu machen, ist eigentlich der Kern der Arbeit.
Und dann ist da natürlich noch das Leben an Bord: Eine Expedition ist neun Wochen unterwegs, mit rund 100 Menschen auf einem Schiff, etwa 50 aus der Crew und 50 aus der Wissenschaft. Man lebt auf engem Raum, oft zu zweit in kleinen Kabinen, und lernt sich gut kennen. Wenn man sich gut versteht, entsteht daraus oft eine ganz besondere Verbindung und lange Freundschaften.
Wie bist du ursprünglich zur Meeres- und Polarforschung gekommen, war das schon immer dein Ziel?
Ich bin ehrlich gesagt nicht die klassische Meeresbiologin, die schon immer wusste, dass sie in die Polarforschung will. Bei mir war das eher ein Hineinrutschen, aber ein gutes. Ich probiere gern Dinge aus, vertiefe mich in Themen und schaue dann, wohin sie mich führen. Im Bachelor habe ich an der FU Berlin Biologie studiert, zunächst mit Schwerpunkt Genetik. Später habe ich gemerkt, dass ich mich neu orientieren möchte, und bin für den Master in Meeresbiologie nach Hamburg gegangen. Dort habe ich als Hiwi Zooplankton analysiert und dabei gemerkt, dass ich mein Feld gefunden habe. Über diesen Weg bin ich ans Alfred-Wegener-Institut gekommen, habe dort meinen Master gemacht und später auch promoviert. Die Promotion war schon eine Herausforderung, weil ich sie größtenteils über Stipendien selbst finanziert habe. Aber wenn man für ein Thema wirklich brennt, schafft man das. Parallel habe ich mich im internationalen Projektmanagement weitergebildet. Genau diese Kombination hat mir schließlich den Weg in meinen heutigen Job eröffnet.
Was motiviert dich in deinem Job jeden Tag aufs Neue?
Mich begeistert besonders die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Koordination. Ich bin nah an den Forschungsthemen dran, habe aber gleichzeitig den größeren Überblick darüber, was in der Antarktisforschung in Deutschland gerade passiert. Dadurch bekomme ich sehr viel mit, kann Dinge zusammenbringen und auch ein großes Netzwerk aufbauen. Das macht den Job für mich unglaublich spannend. Dazu kommt, dass ich in meiner Arbeit viel Sinn sehe. Ich habe das Gefühl, dass das, was ich tue, wirklich Wirkung hat – sowohl für die Forschung selbst als auch für die Fragen, die uns gesellschaftlich beschäftigen. Mein Forschungsfeld ist die Eis- und Untereisfauna in Arktis und Antarktis, dafür war ich bereits selbst Teil von drei Expeditionen. Viele stellen sich diese Regionen wie eine Wüste vor, aber tatsächlich gibt es dort erstaunlich viel Leben, zum Beispiel Zooplankton und Ineisfauna, die perfekt an den Lebensraum im Eis angepasst ist. Gerade in den Polarregionen sehen wir die Folgen des Klimawandels besonders früh. Mich interessiert deshalb sehr, was das für die fein abgestimmten Nahrungsketten und Ökosystemfunktionen bedeutet.
Wie sieht dein Arbeitsalltag aus, wenn du nicht auf Expedition bist?
Meine Aufgaben sind ziemlich abwechslungsreich. Klar beantworte ich auch viele E-Mails, aber inhaltlich ist fast jeder Tag anders. Vieles von dem, was ich mache, mache ich tatsächlich zum ersten Mal, weil es zum Beispiel für die Koordination einer Expedition keine feste Vorlage gibt. Man arbeitet sich also oft Schritt für Schritt durch offene Prozesse.
Daneben gibt es aber auch wiederkehrende Aufgaben: Berichte schreiben, Anträge koordinieren oder Workshops organisieren, die über unser Programm gefördert werden. Gerade diese Mischung aus Struktur und Neuland macht den Job für mich spannend.
Wie gehen Polarforschung und Coworking zusammen? Was hat dich dazu bewegt, Member im Office Club zu werden?
Für mich passt das überraschend gut zusammen. Befristete Verträge sind im Wissenschaftsbetrieb ja ziemlich normal. Nach 13 Jahren an verschiedenen Stationen wollte ich zurück nach Berlin, in meine Heimat. Aktuell arbeite ich an der Universität Rostock, bin aber mindestens einmal pro Woche vor Ort und arbeite den Rest der Zeit remote.
Im Homeoffice hat mir irgendwann ein Ort gefehlt, der etwas mehr Struktur in den Alltag bringt. Eine Freundin von mir arbeitet auch remote, in einem ganz anderen Job, und wir dachten: Wie schön wäre es, das ab und zu zu verbinden. So bin ich Anfang 2024 beim Office Club gelandet, wo ich nun mit der Freundin von mir coworke.
Ich mag dort vor allem die Kombination aus konzentriertem Arbeiten und Gemeinschaft. Man hat seinen Fokus, aber eben nicht dieses isolierte Gefühl, das im Homeoffice schnell entsteht.
Welche Services oder Angebote vom Office Club nutzt du und wie unterstützen sie dich in deinem Arbeitsalltag?
Ich nutze den Flex Desk in Berlin. Das ist für mich ideal, weil mein Arbeitsalltag oft nicht konstant planbar ist. Mal bin ich auf Konferenzen oder in Meetings, mal brauche ich Ruhe für Anträge und Koordinationsaufgaben. Gerade deshalb schätze ich die Flexibilität des Angebots sehr: Ich kann meinen Arbeitsplatz an meinen Alltag anpassen und nicht umgekehrt.
Meistens arbeite ich im Office Club Prenzlauer Berg. Ab und zu gehe ich auch in den Office Club Friedrichstraße, weil ich es dort oft noch etwas ruhiger empfinde. Genau diese Mischung aus Flexibilität und konzentrierter Arbeitsatmosphäre schätze ich im Alltag sehr.
Der Office Club Standort Friedrichstraße steht seit über 20 Jahren für New Work und flexibles Arbeiten. In diesem Artikel blicken wir auf mehr als zwei Jahrzehnte Standortgeschichte zurück.
Wie schaffst du es, die Balance zu halten und nach einem langen Arbeitstag abzuschalten?
Das ist ehrlich gesagt ein ongoing Projekt für mich. In der Wissenschaft gibt es oft keine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Manche Phasen sind sehr intensiv, und auch am Wochenende landen schnell noch Mails auf dem Tisch. Ich versuche deshalb eher, einen ausgleichenden Rhythmus zu finden.
Feste Routinen klappen nicht immer, auch wenn ich es zum Beispiel mit Sport versuche, konkret: regelmäßig zum Handball erscheinen. Am besten funktioniert Abschalten für mich, wenn ich wirklich rauskomme: mit meinem ausgebauten Van an einen See oder in meinen Garten, wo ich mich oft mit Freund:innen treffe. Diese kleinen Ortswechsel helfen mir, den Kopf frei zu bekommen.
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